LEPIE.DE

2. Dezember 2012

Krass konkret

Dass Konkrete Poesie mit all ihren satzspezifischen Ausformungen zur Zeit ihres Aufkommens auf der mechanischen Schreibmaschine „gesetzt“ wurde, ist mir jetzt erst bewusst geworden und erweitert meine Wahrnehmung auf den ja auch zwangsläufig stark grundschulmathematischen Aspekt des Zeilenlängenzählens und des Mittelwertbildens und der Subtraktion, der beim Schreiben nötig gewesen sei muss, um etwas heute so mausklicksimples wie eine Mittenzentrierung hinzubekommen

2. Dezember 2012

Anamnese: Amnesie

Ich weiß nicht, was schlimmer ist: dass die Läden, die das Leben in Mitte noch erträglich gemacht haben, einer nach dem anderen verschwinden, oder dass die sinnlos hübschen Mädchen hinter den Tresen der Bars, die dort dann eröffnen, noch nicht mal wissen, dass sie auf historischem Boden bedienen – dort wo zum Beispiel gerade noch der beste universelle Plattenladen des Stadtteils war

2. Dezember 2012

Soziale Paradoxien

Wenn es für mich von großer Bedeutung ist, Erfahrung gemeinsam mit anderen zu machen bzw. mit anderen zu teilen, um durch diesen Gleichklang im Miteinander eine Steigerung oder Vertiefung der Erfahrung zu erleben, so kann es in einer möglichen Zukunft herzzerreißend für mich sein, wenn jene Anderen in der Rückschau diese gemeinsamen oder geteilten Erfahrungen vollkommen anders erinnern als ich – und was bedeutet diese Möglichkeit zukünftig rückblickenden Missklangs für mein immer gegenwärtiges Bedürfnis nach Komplizenschaft und Zeugenschaft im Leben?

1. Dezember 2012

Transfinale Tendenzen

Software-Entwicklung ist die schrittweise Lösung einer Kaskade von Problemen, bei denen jedes folgende kleiner und weniger komplex ist als sein gerade gelöstes Vorgängerproblem. Es geht entweder gewissermaßen organisch aus diesem hervor bzw. tritt aus dessen Schatten in den Bereich des Sichtbaren. Diese kleineren und weniger komplexen Probleme neigen nun aber dazu, sich durch Zellteilung zu vermehren und sich immer weiter zu verästeln und somit der Erwartung des Entwicklers zuwiderzulaufen, linear dem Ende des Projektes entgegenzugehen. Das anfangs vor dem geistigen Auge klar konturierte Ende wird viel mehr von der Fülle der Kleinprobleme perforiert und liegt zu letzt wie ein unleserliches, von Kugeln zersiebtes Ortsschild in Montana neben der Straße im Staub und wird unerkannt passiert

1. Dezember 2012

Zwei Paar Stiefel

Das erlebende Selbst und das erinnernde Selbst: „So seltsam es auch erscheinen mag, ich bin mein erinnerndes Selbst, und das erlebende Selbst, das mein Leben lebt, ist für mich wie ein Fremder“, sagt Kahneman. Poetischer hat Bloch in seinem „Prinzip Hoffnung“ den zweiten Teil der obigen Aussage mit „das Dunkel des gelebten Augenblicks“ umschrieben

1. Dezember 2012

Ausgepreist

Ich frage mich, warum die FAZ die Kunstmarkt-Doppelseite im Feuilleton und nicht im Wirtschaftsteil platziert, wo sie doch eigentlich hingehört

30. November 2012

Tram

Mobilien einer gewissen Größe verwechselt man leicht mit Immobilien – und wundert sich, wenn sie sich dann doch bewegen

29. November 2012

Imperator

Könnte es sein, dass der Firmenname „Horten“ immer schon weniger Eigenname als vielmehr ein Imperativ gewesen ist?

28. November 2012

Lebenszeichen

„Lesen als Vitalitätsvollzug“

— Rainald Goetz in seiner Antrittsvorlesung für die Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität im Mai diesen Jahres

27. November 2012

Immersion (oder das Gegenteil davon)

Den Wind in Charlotte Ramplings Haar – sie, auf dem Balkon des südfranzösischen Hauses stehend und auf den noch abgedeckten Pool blickend, ich vor dem Fernseher sitzend und das Bild von Charlotte Rampling auf dem Balkon betrachtend – in meinem Haar gespürt

27. November 2012

Wir

Ich vermisse uns

26. November 2012

Quicksilver

Fahl gleißende Energiesparlampenhölle

15. November 2012

Fail!

Henrik Berggren von Readmill zitiert auf dem Startup-Day der TUB einen russischen Verleger mit den Worten: Success is all about the past – but failure is all about the future!

10. November 2012

Romantitel

„Das Heft des Handelns“ wäre vielleicht ein guter Romantitel

9. November 2012

Model_View_Controler vs. Metabolismus

Die hintergrundbeleuchtete Welt ist die des En Passant, die Welt der Flüchtigkeit. Erst die Dinge und Wesen, die Licht reflektieren, können wirklichen Trost spenden, je weniger wechselwarm sie sind, desto besser

7. November 2012

Show-Off Trash

An ihrem Müll werdet ihr sie erkennen